Day 3: 6.2.2014, Perspektiven(wechsel)

Der dritte Reisetag begann zum Leidwesen unseres ansonsten souveränen Carfahrers, Ali, mit einer kleinen aber verhängnisvollen Panne. Die Cartüre wollte sich erst partout nicht öffnen lassen und danach der Bus nicht anspringen. Bei einem so dichten Programm – es stehen der Besuch eines Beduinendorfes, ein Hike zum See Genezareth, der Besuch eines Vorbereitungscamps auf den Militärdienst sowie der Transfer nach Tel Aviv an – eigentlich ein Grund für erhöhten Puls. Doch nicht bei Ali, seinerseits Beduine. Innert Kürze war er, auch dank seiner kaum fassbar grossen Familie (gleich mehr dazu), in der Lage, einen Ersatzbus aufzutreiben. Die Reise konnte beginnen.

Unter strahlender Sonne und wolkenfreiem Himmel, steuerte uns unser Chauffeur in Richtung seines „Familiendorfes“. Sollte dieser Begriff noch nicht existieren, so wäre er sicher mit Bezug auf die Beduinen einzuführen. Die Familie, so scheint es, ist für dieses stolze Volk (welches sich so schnell und radikal wie nur wenige in die Moderne katapultierte) nämlich das bestimmende gesellschaftliche Gefüge. Ja, auch in anderen Ländern ist die Familie wichtig; richtig. Ein Dorf mit ca. 9000 Bewohnern zu besuchen, welche alle zum gleichen Familienstamm gehören, ist aber etwas anderes.

Freundlich wurden wir von einem Vertreter der Gemeinde im Gemeindehaus zu einem Austausch empfangen, welcher den Bürgermeister, welcher kein Englisch spricht vertreten hat. Den Ausführungen des jungen Lehrers konnten wir entnehmen, dass die (nördlichen) Beduinen mit Ihrer herausforderungsreichen Situation – insbesondere als arabisch-muslimische Minorität in einem jüdischen Staat Israel – pragmatisch umzugehen wissen. Als Militärdienstleistende und Stimmbürger bekunden sie Ihre Loyalität zu einem Staat, in dem Minoritätenpolitik nur wenig ausgeprägt, und Tel Aviv politisch sehr weit entfernt ist. Ihre junge Generation (60% der Dorfbevölkerung ist unter 21 Jahre alt) geniesst Freiheiten wie Facebook und andere weltliche Annehmlichkeiten in einer erstaunlich liberalen Selbstverständlichkeit. Bedenkt man, dass die Beduinen noch vor 2 Generationen in Zelten geboren und aufgewachsen sind, kann man nur erahnen, wie herausfordernd diese gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen für diese besondere arabische Kulturfamilie sein müssen. Die sich daraus ergebenden Konfliktlinien, so der Vertreter, gehen mitten durch die Familien. Dies zeige sich unter anderem auch im Wahlverhalten, bei übrigens regelmässig >95% Wahlbeteiligung unter den Beduinen!

Während vor allem die Dienstleister häufig und aus pragmatischen Gründen für israelische/ jüdische Parteien stimmen, wählen andere eher (illoyale) arabische Parteien. Es scheint, als wollten Erstere die innenpolitische Situation durch eine Erstarkung der arabischen Parteien nicht zusätzlich verkomplizieren. „Vielleicht“ – so der Vertreter auf die Frage wie die Situation der Beduinen im israelischen Arbeitsmarkt sei – „ ist das System gegen uns. Vielleicht stehen wir uns aber auch selbst im Weg“. Wir ahnen, dass in dieser Aussage vermutlich sehr viel Wahres steckt und sind deshalb lediglich amüsiert, als auf die Frage nach den Elementen der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau bei den Beduinen, die Antwort kurz und knapp ausfällt: „Let’s eat something“. Als kleines Highlight des Abstechers zu den Beduinen, lädt uns Ali im Anschluss zu Rosen-Kaffee (gebraut mit Rosenwasser und Kardamom) und Konfekt in sein Haus ein und demonstriert uns gleich, wie rhythmisch Kaffeemahlen sein kann.

Unser nächster Stop führt uns zum Dorf Arbel. Genauer gesagt auf eine kleine Anhöhe oberhalb des Dorfes. Von dort aus laufen wir in Richtung des „Gipfels“ vom Berg Arbel, welcher im Zentrum des gleichnamigen kleinen Nationalparks an der Westflanke des See Genezareth liegt. Oben angekommen, ermöglichen uns Moshe und unser Begleiter Faustus dank der weiten Sicht, Einblicke in die unglaubliche Dichte an historischem und wirtschaftlich-militärischem Gehalt dieser Region. „Alle kamen sie hier durch, alle waren sie hier“. Das westliche Umland des See Genezareth diente schon vor tausenden von Jahren als wichtige West-Ost Achse zwischen Europa, Afrika und Asien. Das kleine Zoll-Städtchen Kapernaum an der Nordseite des Sees zeugt davon.

Selbstverständlich hörten wir auch von Jesu und den Fischern, Simon Petrus und Herodes Antipas, welcher einst die heute grösste Stadt im Jordantal, Tiberias, gründete und von Mount Arbel aus, gute 4 km in südöstlicher Richtung liegt. Auf dem schmalen und felsigen Weg von Mount Arbel hinunter ins Tal zum Dorf Hamam, passieren wir überraschend grüne Berghänge und beeindruckende

Felsformationen. Ebenfalls befinden sich an den Nordost Hängen die berühmten Höhlen, in welchen sich der Überlieferung folgend die Hasmonärer gegen die Soldaten Herodes‘ verschanzt haben sollen.

Es ist schon paradox: Die Bedeutung der eigenen Existenz scheint angesichts der beinah auf jedem Schritt und Tritt spürbaren Geschichtsträchtigkeit dieser Region zur Bedeutungslosigkeit zu verblassen. Die Tatsache aber, dass Geschichte immer nur von den Lebenden geschrieben werden kann, verleiht ihnen die Macht, gar die Pflicht der Gestaltung. So gesehen, sind Lethargie und Ignoranz nicht nur aus Sicht eines Mitgliedes einer Jungpartei ein Frevel am Leben selbst. Das dieser Gedanke nicht komplett falsch sein kann, bekamen wir am Nachmittag in „Mechinat“, einem Vorbereitungscamp auf den israelischen Militärdienst bewiesen. In diesem in den Golanhöhen gelegenen Camp, bereiten sich etwa 50 Jungen und Mädchen während einem Jahr auf die IDF (Israelian Defense Forces), das Militär vor. Rund 50 solcher nichtstaatlicher „Institutionen“ verteilen sich in Israel, sind voneinander komplett unabhängig und stehen auch orthodoxen Juden offen. Im Zentrum des rund 9000 Schekel (ca. 2600 CHF) teuren Jahres, steht dabei weniger die körperliche Ertüchtigung, als vielmehr ein „ganzheitlicher“ Versuch, die jungen zu guten Bürgern Israels zu machen. Ronin, ein eingewanderter US-Jude, erklärt uns, dass in diesem ganzheitlichen Konzept Judaismus, Zionismus, Leadership, Community und Democracy unterrichtet und durch gemeinsame Rituale, Aussprachen und Abstimmungen ein „Wir-Gefühl“ erreicht werden soll.

Es erstaunt nicht, dass die Ausführungen der Programmteilnehmer im anschliessenden Rundgang durch die Anlage in kleinen Gruppen gänzlich positiv, gar begeisternd ausfallen. Schliesslich sind sie freiwillig hier und sind hochmotiviert, ihre militärische/berufliche Karriere hier zu lancieren. Itai zum Beispiel, der uns durch die Anlage führt, steht kurz vor der Zulassung zu einer Spezialeinheit (Sajeret Matkal) der IDF, welche unter dem direkten Kommando des Premierministers steht. Gruppenerlebnisse, Verantwortung, Austausch und gegenseitige Motivation, all dies – so die Burschen – helfen ihnen, gute Isaelis zu sein und ihr Bestes für das Land geben zu können. Sie wollen gestalten. Ihre und die Zukunft des Landes. Neben die Bewunderung für soviel jugendlichen Elan, gesellt sich Zweifel und Befremdung.

Das Ganze erinnert nur im Werbefilm an ein Pfadilager und ist in seiner Gesamtheit schwer fassbar. Was bedeutet die Existenz solcher Schulen, die es scheinbar nur für Juden gibt? Wie wirken sich solche Schulen auf das Gefüge einer kleinen, aber sehr heterogenen Gesellschaft aus? Wie auf die Fähigkeit der Analyse und der Kommunikation? Wie geht das zusammen: Religion und Militär, Glaube und Töten. Viele Fragen beschäftigen uns, als uns Itai – in Missachtung unseres knappen Zeitplanes– zu einer hinter dem angrenzenden Kibbuz gelegenen, ehemaligen syrischen Bunkeranlage führt.

An diesem Ort wird greifbar, was vorher Vermutung war. Hier erscheint klarer, was nur diffus sein konnte. Um gestalten zu können und die eigene Geschichte selbst fortschreiben zu können sind überall andere Voraussetzungen und Fähigkeiten die richtigen Mittel dazu. Wird, wie wir in den kommenden Tagen noch öfters feststellen werden, die nationale Identität eng mit einem religiösen Konzept – in diesem Falle dem Zionismus – verbunden, stellt dies offensichtlich in diesem Ecken der Welt sehr spezifische An- und Herausforderungen an die neuen Generationen. Kann man es ihnen verübeln, wenn Sie diese besonders gewissenhaft annehmen wollen? Natürlich nicht, den vermutlich nimmt dies jede junge Generation für sich in Anspruch. Und in diesem Punkt fanden wir uns zum Schluss der Führung auch beim gemeinsamen Gruppenbild wieder, bevor uns Ali der Beduine nach einem langen und intensiven Tag, sicher und bequem nach Tel Aviv brachte.