Day 10: 13.02.14, Abschied

Unser letzter Tag im Gelobten Land begann gewohnheitsgemäss früh: Bereits um 8 Uhr verliessen wir Jerusalem in Richtung Westen, von der kargen Hügellandschaft rund um Jerusalem hinunter in die flache, grüne Ebene, die sich bis zur Küste erstreckt. Im Car war es eigentümlich still. Vielleicht, weil das Ende der Reise langsam, aber sicher in unser Bewusstsein rückte: Der baldige Abschied drängte uns dazu, die ungeheuer vielfältigen, oft auch widerstrebenden Eindrücke der letzten Tage noch einmal Revue passieren zu lassen. Vielleicht war aber auch nur Ruhe eingekehrt, weil ein Grüppchen von Romands schon am Abend zuvor die Heimreise angetreten hatte…

Von der libanesischen Grenze im Norden bis zum Toten Meer im Südosten, von Tel Aviv an der Mittelmeerküste bis nach Ramallah im Westjordanland hatten wir Blicke auf das faszinierende Gebilde erhaschen können. Für den letzten Tag blieb uns noch die Himmelrichtung Südwesten zur Erkundung: Als unser Ziel hatten wir dafür die Stadt Sderot vorgenommen, die als häufiges Opfer von Raketenangriffen aus dem nahe liegenden Gaza-Streifen zweifelhafte Berühmtheit erlangte.

Während wir eben jenen Gaza-Streifen von einem Viewpoint nahe Sderot aus betrachteten, führte uns unser Tourguide Moshe durch die Hintergründe der politischen Situation, in der sich der schmale Landstrich zwischen Israel, Mittelmeer und Ägypten befindet: Einst von den israelischen Streitkräften kontrolliert, wurde der Gaza-Streifen 2005 sich selbst überlassen, jedoch sowohl von Israel als auch von Ägypten her abgeriegelt. Kurz darauf kam die Hamas an die Macht und Gaza wurde zum Ausgangspunkt zahlreicher Raketenangriffe. Die militärischen Vergeltungsschläge Israels, die strikte Kontrolle der Einfuhr aller Art von Gütern und die kürzlich getroffene Entscheidung Ägyptens, seine Grenze zum Gaza-Streifen wieder zu schliessen, brachten den Gaza-Konflikt in die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Beim Betrachten der Häuser in der Ferne beschlich uns denn auch – wie so oft auf dieser Reise – das Gefühl, direkt an einem Brennpunkt der Weltpolitik angekommen zu sein. Nach diesem kleinen Tauchgang in die Verstrickungen der Zeitgeschichte gelangten wir in einen natürlichen Park einige Minuten entfernt vom Aussichtspunkt. Die wellenartige Bodenoberfläche im Park, die auf einer jahrhundertealten Landwirtschaftstechnik basierte, macht das spärliche Regenwasser der Gegend effizient nutzbar und ermöglicht so die Existenz einer Blumenwiese mitten in der trockenen, von Konflikten gebeutelten Gegend. Wie wir gleich darauf erfuhren, hatte uns Moshe diesen Park nicht ganz zufällig gezeigt. Als er bei unser allerletzten Station, einem Hügel mit Aussicht auf den Gaza-Streifen, zu seinem Schlusswort ansetzte, benutzte er die Metapher von der Oase in der Wüste: Obwohl bei äusserer Betrachtung Israels der Eindruck einer hoffnungslosen Situation entstehen mag, obwohl die Fronten verhärtet wirken und man die Weltregion des Nahen Ostens manchmal am liebsten aus dem Bewusstsein verbannen würde, existieren auch in dieser Wüste aus Konflikten und Feindschaften kleine Oasen, in denen tagtäglich Grossartiges passiere, getrieben von kleinen Leuten, die sich nicht gross um politische Zwistigkeiten scheren.

Im Gegensatz zum Ausblick auf den trist und angespannt wirkenden Gaza-Streifen am Horizont war dies ein Ausblick, der doch einiges versprach und Hoffnung weckte. Mit diesem Eindruck, der eine lange Liste von anderen Eindrücken ergänzte, die wir während der letzten Tage in ganz Israel gesammelt hatten, traten wir schliesslich die Heimreise an. Shalom, Israel, und herzlichen Dank!